The Number of the Beast and the Tale of the Maiden pt iii
Wolf saß währenddessen in seiner Beobachter-Nische wie ein Jäger in seinem Anschlag. Er hatte sich ins Lümmelsofa und halb hinter einem Paravent so tief zurück gezogen, dass ihn das Licht nicht blendete und ihn keiner mehr beachtete. Dort nuckelte er an seiner Bierflasche und hing seinen Gedanken nach, ließ dabei aber die Augen umher schweifen und die Ohren trotz der Geräuschkulisse und des allmählich nervtötenden Songs weit offen. So konnte er zwar nicht alles, aber doch recht viel mitbekommen. Ihm war daher nicht entgangen, dass Flo floh und dass mit Heidi etwas nicht zu stimmen schien. Auch das doch eher untypische Verhalten von Evil Eve war ihm aufgefallen. Was wollte sie jetzt von Bert? Sie stand doch normalerweise auf Frauen, oder nicht? Wollte sie eigentlich jemand anders aufmerksam oder ein bisschen eifersüchtig machen? Wolf konnte sich nicht denken und auch nicht erkennen, auf welche der Frauen Evelyn es abgesehen haben könnte. Aber er war auch nicht imstande, wirklich alle zu sehen, dazu war zu viel Volk und zu wenig gutes Licht im Raum.
Gutes Licht gab es auch draußen nicht. Durch die nächtliche Kälte war Nebel aufgestiegen, der Mond konnte ihn nicht durchdringen, und auch das Licht der paar Laternen wurden von seinen zahllosen Tröpfchen aufgesaugt, so schien es. Tom war mittlerweile in seine Wohnung getappt, um sich aufzuwärmen und etwas zu trinken, vielleicht auch, um sich mal kurz aufs Ohr zu legen. Seine Grübelei über die doppelte Erinnerung an das doppelte Realitätserlebnis hatte etwas nachgelassen mit dem Gedanken, einfach übermüdet zu sein. Flo hingegen war noch sehr aufgeregt von seinen merkwürdigen Eindrücken. Er war kurz davor, einfach mal Heidi anzusprechen, um sie mit ein paar unverfänglichen Fragen auszuforschen, ob sie etwas bemerkt hatte von ihrer zeitweiligen Verdoppelung. Dann wieder bremste er diesen Gedanken aus. Weder hatte er eine konkrete Idee, wie er vorgehen könnte, noch schien es ihm allzu wahrscheinlich, dass er etwas herausbekommen würde, denn schließlich war es kaum glaubhaft, dass wirklich passiert sein sollte, was passiert zu sein schien.
Im Partyraum wird es allmählich ruhiger, einige dösen vor sich hin oder schlafen ein, andere gehen nach Hause, um sich dort mal für ein paar Stunden hinzulegen, etwas Ordentliches zu essen und sich frisch zu machen oder aufzuhübschen. Als es gegen 16 Uhr bereits wieder zu dunkeln beginnt, weil das Wetter immer noch trüb ist, sind die meisten wieder da und mehr oder weniger munter. Niemand hat mitgezählt, aber inzwischen hat das bizarre Halloween-Fest die 210. Wiederholung des Songs erreicht, das bedeutet: noch 6 Wiederholungen, dann kommt Nummer 6x 6x 6 oder 6 hoch 3. Jemand ruft: „Ach, schaut mal da!“
Peter ist eingetreten, sehr korrekt gekleidet in dunklem Festanzug, offenbar ganz neuen gelben Schuhen, dazu einem gelben Schal und einem dunklen Hut. „Unser Prediger! Gott zum Gruß, Herr Pfarrer!“ Der so spottet, ist Bill. Er geht auf Peter zu und schnappt sich dessen Hut. „Finger weg, Brüderchen!“ Peter ist halb belustigt, halb verärgert und greift sich seinen Hut. Er ist der älteste der drei Drillinge, gleicht Bill und Tom aber nur wenig, denn sie sind zweieiige Drillinge. Manche der älteren Frauen im Dorf munkeln auch, es seien wohl zwei Väter im Spiel gewesen, aber das ist bestimmt nur Dorfklatsch, üble Nachrede, Getuschel und Missgunst.
Noch bevor irgendjemand fragen kann, was Peter denn auf der Party eigentlich will, beginnt er das, was eigentlich die meisten schon erwartet hatten: eine ermahnende Rede, eine Predigt, sagen die einen, Gehirnwäsche und Verdummung nennen es die anderen. Peter jedenfalls führt wortreich aus, dass es blasphemisch sei, was hier abgeht, dass es amerikanisches Gedöns ist um Halloween und dass die Party noch böse enden wird, zumal ausgerechnet am Reformationstag, und dass es doch viel kultivierter wäre, sich mit der Reformationsgeschichte zu befassen, mit Kulturgut, und dass man, wenn man es schon nicht glaubt, so dann doch wenigstens respektiert und als historisches Ereignis würdigt, wie Luther sich eingesetzt habe gegen Aberglauben und Ablass, gegen den Papst in Rom, der nur auf Geld aus gewesen sei und damit den Ruf der Kirche ruiniert habe. Und Luther sei genau durch diese elende Geldeintreiberei endgültig zum Papst-Gegner geworden, habe eine neue, nämlich evangelische Theologie entwickelt, die mit solchem Hokus-Pokus wie All Hallows Eve nichts, aber auch gar nichts zu tun habe, sondern die Heiligenverehrung prinzipiell ablehne. Weil davon nichts in der Bibel zu finden sei.
Das alles spricht er frei und ohne Punkt und Komma, in einem einzigen Fluss der Rede, keine und keiner wagt es, ihn zu unterbrechen, man fühlt sich entweder ein bisschen betreten oder heimlich amüsiert. Nur Evelyn starrt ihn empört an, sie will gerade spöttisch loslachen, da verschiebt sich plötzliche ihre Wahrnehmung, sie sieht alles dreifach, hört mit doppeltem Echo, also ebenfalls dreifach, und fühlt sich so, als würde sie neben sich stehen, und zwar rechts und links gleichzeitig. Peter interpretiert ihren Gesichtsausdruck völlig falsch, meint in seiner selbstsicheren Eitelkeit, sie habe eine Erleuchtung oder Vision erlebt aufgrund seiner mahnenden Worte, und will segnend seine Hände auf ihren Kopf legen. Aus dem Lautsprecher klingt die Zeile: ‚Can I believe that what I saw?‘ zum 216. Mal: 6x 6x 6.
In diesem Augenblick bricht Evelyn zusammen.
Im Partyraum ertönt Geschrei, es gibt einen Tumult, hin und her fliegen Anschuldigungen gegen Peter, gegen Ben, gegen den Papst und sogar gegen Evelyn: „Sie hat nicht auf mich gehört, sie hat viel zu viel getrunken und war nicht schlafen gegangen, das musste ja passieren!“ – „Ruft vielleicht mal jemand einen Notarzt?“ – „Steh mir nicht im Weg, ich hole einen kühlen Becher Wasser!“ – „Mach doch mal endlich einer diese verdammte Musik aus!“
Auch Wolf kommt aus seiner Deckung und ruft mit klar vernehmlicher Stimme über alle hinweg: „Auf keinen Fall jetzt die Musik unterbrechen, sonst kommt sie da nicht mehr heraus, wo sie hinein gestürzt ist! Lasst bloß die Finger weg vom CD-Spieler!“ Aus den Lautsprechern tönt es: „‘Cause in my dreams, it's always there - The evil face that twists my mind and brings me to despair!“
Irgendwer wagt es aber trotz Wolfs Ansage, die Musik wenigstens leise zu drehen, und so können die, die am nächsten bei Evelyn knien, hören, dass sie etwas flüstert: „Mein richtiger Name ist … mein Name ist … ich heiße … Claudia.“ Pause. „Was ist passiert, wo bin ich, und wer seid ihr?“ Pause. „Was?“ Pause. „Nein, das glaube ich nicht.“ Evelyn bäumt sich auf. Peter beginnt, laut das Gebet des Herrn zu beten, Bert und Ben schlucken trocken, zwei der noch immer namenlosen Mädchen wimmern, und jemand lacht wie irre, alle drehen sich hin zu ihm, das ist Joschi, der unbemerkt von hinter dem Tresen zugeschaut hatte und nun wieder am Nerven-Rad dreht. Evelyn hat die Augen derweil immer noch geschlossen und sagt nun mit fester Stimme in deutlichem Ton: „Das erzähle ich am besten selbst!“ Aber sie spricht nicht weiter. Stattdessen schlägt sie sich eine Hand vor den Mund und sinkt zurück.
Im nächsten Augenblick steht Evelyn wieder auf den Beinen. Nein, falsch – im vorigen Augenblick! Es gab keinen Blitz und keinen Donner und auch kein anderes Geräusch, aber Evelyn stand wieder da, Wolf saß in seiner Deckung, Joschi hinterm Tresen, auch alle andern waren „auf Anfang“ wie an einem Filmset, Peter holte soeben tief Luft von seiner langen Rede, und doch hatten alle die Erinnerung an das, was gerade geschehen zu sein schien, außer Evelyn. Sie lachte Peter lauthals aus und sagte: „Geh mir weg mit deinem Kirchenzeug! Wir feiern hier, wie wir wollen, und ob das mit Keltischen Bräuchen zu tun hat oder mit Katholizismus, das interessiert uns nicht!“ Sie blickte auffordernd in die Runde, einige Köpfe nickten, andere nicht. Aus den Lautsprechern klang die Zeile: ‚Can I believe that what I saw?‘ zum 216. Mal: 6x 6x 6. Es war keine Wiederholung, es war dasselbe Ereignis.
Artwork: Nano Banana 2
Meanwhile, Wolf sat in his observation nook like a hunter lying in wait. He had sunk so deep into the sofa and half-hidden behind a folding screen that the light didn’t dazzle him and nobody paid him any more attention. There, he sipped from his beer bottle and lost himself in his thoughts, whilst letting his eyes wander and keeping his ears wide open despite the background noise and the song that was gradually becoming a real nuisance. That way, he couldn’t catch everything, but he could pick up quite a lot. It hadn’t escaped his notice, therefore, that Flo had slipped away and that something didn’t seem quite right with Heidi. He’d also noticed Evil Eve’s rather uncharacteristic behaviour. What did she want from Bert now? She was usually into women, wasn’t she? Was she actually trying to catch someone else’s eye or make them a bit jealous? Wolf couldn’t guess, nor could he tell which of the women Evelyn might have her sights set on. But he wasn’t able to really see them all either; there were too many people and not enough good light in the room.
There wasn’t much light outside either. The night-time chill had caused fog to rise; the moon couldn’t pierce it, and even the light from the few streetlamps seemed to be swallowed up by its countless droplets. Tom had by now trudged back to his flat to warm up and have a drink, perhaps also to have a quick nap. His musings on the dual memory of the dual reality experience had subsided somewhat with the thought that he was simply overtired. Flo, on the other hand, was still very agitated by his strange impressions. He was on the verge of simply approaching Heidi to probe her with a few innocuous questions to find out whether she’d noticed anything about her temporary doubling. Then again, he put the idea on hold. Not only did he have no concrete idea of how to go about it, but it also didn’t seem all that likely that he’d find anything out, because, after all, it was hardly credible that what appeared to have happened had actually happened.
Things are gradually winding down in the party room; some are dozing off or falling asleep, whilst others are heading home to lie down for a few hours, have a proper meal and freshen up or beautify themselves. By around 4 pm, when it’s already starting to get dark again because the weather is still overcast, most people are back and more or less wide awake. Nobody has been keeping count, but by now the bizarre Halloween party has reached the 210th repeat of the song, which means: just six more repeats, then it’ll be number 6 x 6 x 6, or 6 to the power of 3. Someone shouts: ‘Oh, look over there!’
Peter has walked in, very smartly dressed in a dark formal suit, apparently brand-new yellow shoes, along with a yellow scarf and a dark hat. ‘Our preacher! God bless you, Reverend!’ The one speaking mockingly is Bill. He walks over to Peter and snatches his hat. ‘Hands off, little brother!’ Peter is half amused, half annoyed, and grabs his hat back. He is the eldest of the triplets, but bears little resemblance to Bill and Tom, as they are dizygotic triplets. Some of the older women in the village also whisper that there must have been two fathers involved, but that’s surely just village gossip, slander, whispering and envy.
Before anyone can even ask what Peter is actually doing at the party, he launches into what most people had, in fact, already been expecting: an authoritative speech, a sermon, say some; brainwashing and dumbing down, say others. In any case, Peter elaborates at length that what is going on here is blasphemous, that it is all American fuss about Halloween and that the party will end badly, especially as it is Reformation Day of all days, and that it would be far more cultured to engage with the history of the Reformation, with cultural heritage, and that, even if one doesn’t believe in it, one should at least respect it and acknowledge it as a historical event – how Luther had stood up against superstition and indulgences, against the Pope in Rome, who was said to have been interested only in money and had thereby ruined the Church’s reputation. And it was precisely this wretched money-grabbing that finally turned Luther into an opponent of the Pope; he developed a new, namely Evangelical, theology which had nothing—absolutely nothing—to do with such hocus-pocus as All Hallows’ Eve, but which rejected the veneration of saints on principle. Because there would be no mention of it in the Bible.
He speaks all this off the cuff and without pause, in a single stream of speech; no one dares to interrupt him; one feels either a little taken aback or secretly amused. Only Evelyn stares at him indignantly; she is just about to burst out laughing scornfully when suddenly her perception shifts: she sees everything three times over, hears sounds with a double echo – so also three times over – and feels as though she were standing beside herself, to the right and left at the same time. Peter completely misinterprets her expression; in his self-assured vanity, he thinks she has experienced an epiphany or vision as a result of his admonishing words, and wants to lay his hands on her head in a gesture of blessing. From the loudspeaker comes the line: ‘Can I believe that what I saw?’ for the 216th time: 6 × 6 × 6.
At that very moment, Evelyn collapses.
Shouts ring out in the party room; there’s a commotion, with accusations flying back and forth against Peter, against Ben, against the Pope and even against Evelyn: ‘She didn’t listen to me, she’d had far too much to drink and hadn’t gone to bed – it was bound to happen!’ – ‘Could someone please call an ambulance?’ – ‘Get out of my way, I’m going to get a cool glass of water!’ – ‘Will someone finally turn off this bloody music!’
Wolf, too, emerges from his hiding place and shouts in a clear, audible voice over everyone’s heads: “Under no circumstances must you stop the music now, otherwise she won’t be able to get out of where she’s fallen in! Keep your hands off the CD player!” The speakers blare: “‘Cause in my dreams, it’s always there – The evil face that twists my mind and brings me to despair!”
Someone, however, dares to turn the music down a little despite Wolf’s warning, and so those kneeling closest to Evelyn can hear her whispering: “My real name is … my name is … my name is … Claudia.” Pause. “What’s happened, where am I, and who are you?” Pause. “What?” Pause. “No, I don’t believe that.” Evelyn rears up. Peter begins to recite the Lord’s Prayer aloud; Bert and Ben swallow hard; two of the still-unnamed girls whimper; and someone laughs like a madman – everyone turns towards him; it’s Joschi, who had been watching unnoticed from behind the bar and is now turning the wheel of madness once more. Meanwhile, Evelyn still has her eyes closed and now says in a firm, clear voice: “I’d better tell that story myself!” But she doesn’t go on. Instead, she claps one hand over her mouth and sinks back.
The next moment, Evelyn is back on her feet. No, that’s wrong – the moment before! There was no lightning, no thunder and no other sound, but Evelyn was standing there again; Wolf was sitting in his hiding place, Joschi behind the bar, and everyone else was ‘back to square one’ as if on a film set. Peter had just taken a deep breath after his long speech, and yet everyone except Evelyn remembered what seemed to have just happened. She laughed out loud at Peter and said: 'Get away from me with your churchy nonsense! We’ll celebrate here however we like, and whether that has anything to do with Celtic customs or Catholicism, we don’t care!’ She looked around expectantly; some heads nodded, others didn’t. From the loudspeakers came the line: ‘Can I believe that what I saw?’ for the 216th time: 6x 6x 6. It wasn’t a repeat; it was the same event.
[to be continued]

Whattttt? No, no, no... Now I think I'm the one whose perception is distorted... It's all a loop of events within the same spacetime, as if they were flashes of the near future... Maybe the party will end really badly... And we're only on the 216th repetition.
How interesting, definitely a thought-provoking read! Thank you!