𝗗𝗜𝗘 𝗪𝗢𝗛𝗟 𝗦𝗣𝗘𝗞𝗧𝗔𝗞𝗨𝗟Ä𝗥𝗦𝗧𝗘 𝗥𝗘𝗣𝗨𝗕𝗟𝗜𝗞𝗙𝗟𝗨𝗖𝗛𝗧
𝗛𝗘𝗟𝗗𝗘𝗡𝗧𝗔𝗧 𝗢𝗗𝗘𝗥 𝗩𝗘𝗥𝗔𝗡𝗧𝗪𝗢𝗥𝗧𝗨𝗡𝗚𝗦𝗟𝗢𝗦𝗘𝗥 𝗪𝗔𝗛𝗡𝗦𝗜𝗡𝗡?
Ich mache mich heute mal wieder richtig beliebt. Aber das bin ich ja inzwischen gewohnt. Manche sammeln Briefmarken, ich sammle offenbar empörte Kommentare.
Heute vor 47 Jahren gelang Peter Strelzyk und Günter Wetzel gemeinsam mit ihren Familien die berühmte Ballonflucht aus der DDR. Acht Menschen, darunter vier Kinder im Alter von zwei bis 15 Jahren, schwebten nachts auf einer offenen Plattform, umgeben von Propangasflaschen und gesichert durch ein notdürftiges Geländer, über die innerdeutsche Grenze.
Heute wird diese Geschichte als großes Abenteuer, Freiheitskampf und spektakuläre Heldentat gefeiert. Sie wurde gleich zweimal verfilmt, in Büchern verewigt und in unzähligen Fernsehsendungen so oft erzählt, bis aus einem lebensgefährlichen Glücksspiel eine beinahe romantische Familiengeschichte geworden war.
Der Ballon als fliegender Reisebus in die Freiheit. Fehlte eigentlich nur noch eine freundliche Stewardess mit Kaffee und belegten Brötchen.
Natürlich wurde die Geschichte anschließend auch ordentlich vermarktet. Filme werden schließlich nicht zweimal gedreht, weil alle Beteiligten ausschließlich von Luft, Liebe und historischer Anteilnahme leben. Aus der Flucht entstand eine Legende – und Legenden lassen sich bekanntlich wesentlich besser verkaufen als ein nüchterner Ausreiseantrag.

Und nun kommt der Teil, bei dem einige vermutlich schon anfangen, besonders kräftig auf ihre Tastatur einzuschlagen:
Für mich waren Peter Strelzyk und Günter Wetzel keine politischen Flüchtlinge, sondern Wirtschaftsflüchtlinge – nichts anderes.
Sie flohen nicht vor einem Krieg. Sie flohen nicht vor Bomben. Sie saßen nicht im Gefängnis und mussten auch nicht um ihr Leben fürchten. Sie wollten in ein anderes Land, weil sie sich dort bessere wirtschaftliche Möglichkeiten, mehr Auswahl, mehr Konsum und einen höheren Lebensstandard versprachen.
Das kann man wollen. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden.
Aber wo genau liegt der Unterschied zu einem Syrer oder Afghanen, der heute nicht wegen einer persönlichen politischen Verfolgung nach Deutschland kommt, sondern weil er sich hier ein besseres und wohlhabenderes Leben erhofft?
Heute wird bei solchen Menschen sehr genau unterschieden: politisch verfolgt oder aus wirtschaftlichen Gründen gekommen? Bei DDR-Flüchtlingen scheint diese Unterscheidung plötzlich nicht mehr zu gelten. Wer die DDR verließ, wird rückwirkend automatisch zum politischen Flüchtling, Widerstandskämpfer und Helden erklärt.
Vermutlich wurde man bereits politisch verfolgt, wenn im Konsum gerade keine Bananen lagen.
So einfach mache ich es mir nicht.
Wer sein Land verlässt, weil er woanders mehr verdienen, mehr kaufen und wirtschaftlich besser leben kann, ist für mich ein Wirtschaftsflüchtling. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieser Mensch aus Syrien, Afghanistan oder der DDR kommt. Wenn schon Maßstäbe, dann bitte dieselben für alle.
Überspitzt gesagt: Man wollte lieber Milka als Bambina.
Kann man machen. Aber dafür die eigenen Kinder in einen selbstgebauten Ballon zu setzen, dessen erster Fluchtversuch bereits gescheitert war, ist für mich keine Heldentat.
Das ist verantwortungsloser Wahnsinn.
Niemand wusste, ob der Ballon die Grenze überhaupt erreichen würde. Niemand konnte seine Flugrichtung zuverlässig steuern. Die Gasflaschen konnten leer werden, die Hülle Feuer fangen und der Ballon irgendwo im Grenzgebiet abstürzen. Sie hätten in eine Stromleitung geraten, auf DDR-Gebiet herunterkommen oder aus großer Höhe abstürzen können.
Und mittendrin saßen vier Kinder, von denen das jüngste gerade einmal zwei Jahre alt war.
Mit zwei Jahren kann man bekanntlich schon sehr vernünftig abwägen, ob man sein Leben einer selbstgenähten Ballonhülle, mehreren Propangasflaschen und der aktuellen Windrichtung anvertrauen möchte.
Erwachsene dürfen ihr eigenes Leben riskieren. Wer unbedingt eine Heldengeschichte erleben will, darf sich meinetwegen auch selbst an einen Wetterballon hängen. Aber wer gibt Eltern das Recht, ihre Kinder zu unfreiwilligen Passagieren eines solchen Himmelfahrtskommandos zu machen?
Aufgrund der Recherchen für mein Buch habe ich mit mehr als 50 Menschen gesprochen, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Keiner von ihnen musste länger als zwölf Monate warten. Bei mir selbst dauerte es genau zwei Monate, bis mein Antrag genehmigt wurde.
Danach konnte ich die DDR verlassen – mit Sack und Pack und vor allem ohne meine Kinder nachts auf eine fliegende Konstruktion aus zusammengenähtem Stoff, Metallstangen, Wäscheleinen und Propangasflaschen setzen zu müssen.
Ich höre auch immer wieder, Menschen hätten allein wegen eines Ausreiseantrages automatisch ihre Arbeit verloren. Ich kenne keinen einzigen solchen Fall.
Wer einen leitenden oder sicherheitsrelevanten Posten hatte, wurde möglicherweise umgesetzt. Und wer studierte, musste sein Studium unter Umständen abbrechen. Das wird heute pauschal als Schikane bezeichnet.
Ich sehe das etwas nüchterner: Warum sollte ein Staat weiterhin viel Geld in die Ausbildung eines Menschen investieren, der diesem Staat gerade schriftlich erklärt hat, dass er das Land dauerhaft verlassen will?
Natürlich war das für den Betroffenen unangenehm. Aber ganz ehrlich: Wenn ich heute meinem Arbeitgeber mitteile, dass ich definitiv kündigen und zur Konkurrenz wechseln werde, dürfte meine anschließende Beförderung zum Abteilungsleiter vermutlich ebenfalls eher unwahrscheinlich sein.
Über Ausreiseanträge und das Leben in der DDR sind inzwischen viele Geschichten im Umlauf, die mit jedem weiteren Erzählen dramatischer werden. Irgendwann verlor offenbar jeder Antragsteller sofort seine Arbeit, wurde rund um die Uhr von zwölf Stasi-Mitarbeitern verfolgt und musste seine Wohnung noch am selben Nachmittag in Handschellen verlassen.
Das Schlimmste daran ist, dass manche dieser pauschalen Erzählungen heute sogar in Geschichtsbüchern stehen und dadurch automatisch als unantastbare Wahrheit gelten. Mit meinen eigenen Erfahrungen und den Aussagen der mehr als 50 Menschen, mit denen ich gesprochen habe, deckt sich vieles davon jedenfalls nicht.
Natürlich gab es unterschiedliche Fälle, unterschiedliche Wartezeiten und unterschiedliche Erfahrungen. Aber einen Ausreiseantrag zu stellen, wäre wenigstens der Versuch eines Weges gewesen, bei dem nicht das Leben der eigenen Kinder an ein paar zusammengenähten Stoffbahnen hing.
Die Ballonflucht ging gut. Deshalb kennen wir heute die Heldengeschichte.
Wäre der Ballon abgestürzt und wären dabei vier Kinder ums Leben gekommen, würde heute vermutlich niemand von Mut, Freiheit und einer spektakulären Heldentat sprechen. Dann würden dieselben Menschen fragen, wie Eltern nur so verantwortungslos sein konnten.
Genau darin liegt für mich die ganze Heuchelei: Der glückliche Ausgang hat aus einem lebensgefährlichen Glücksspiel eine Heldentat gemacht.
Ich sehe das anders.
Für mich waren das keine politischen Flüchtlinge, sondern Wirtschaftsflüchtlinge. Und wer unbedingt gehen will, darf sein eigenes Leben aufs Spiel setzen – aber nicht das seiner Kinder.
So, und nun ist die Kommentarspalte eröffnet. Bitte einzeln empören, damit ich beim Lesen nicht durcheinanderkomme.
📖 „DDR 2.0 – Was wäre, wenn wir geblieben wären?“ erscheint im Dezember 2026.
#DDR20 #Ballonflucht #Republikflucht
Veröffentlicht mit Welako
La foto del globo cargado de botellas de propano me hizo imaginar el presupuesto que necesitó la ruta de escape, ¿tienes alguna cifra de los materiales? Mochilo siempre con la idea de una aventura aérea, aunque el destino sea la libertad. 🚀
Miren esto, la foto del globo bajo la luna me recuerda los cielos del Chaco y esos cuatro niños de 2 a 15 años fueron el corazón de la odisea; valió la pena revivirla después de 47 años. ¿Sabían que la fuga duró solo una noche? Increíble cómo una historia de supervivencia se vuelve leyenda 🌌
Diese Art der Flucht war den Kindern gegenüber sicherlich verantwortungslos. Was den von Ihnen angesprochenen Unterschied zwischen einem Afghanen und einem DDR-Bürger betrifft, sei ganz klar festgehalten: Die Deutschen sind ein Volk, das nach dem Krieg leider auseinandergerissen wurde. Ein Afghane hat mit uns und unserer Zivilisation jedoch wenig gemein. Auf seiner Suche nach einer besseren Zukunft liegen mehrere Länder direkt vor seiner Haustür – etwa das Nachbarland China oder die Golfstaaten, die sogar demselben Kulturkreis angehören.
