𝗪𝗘𝗡𝗡 𝗗𝗘𝗥 𝗞Ö𝗥𝗣𝗘𝗥 𝗦𝗖𝗛𝗟𝗔𝗙𝗘𝗡 𝗪𝗜𝗟𝗟

in #deutsch6 hours ago

𝗔𝗕𝗘𝗥 𝗗𝗔𝗦 𝗛𝗜𝗥𝗡 𝗡𝗢𝗖𝗛 𝗘𝗜𝗡𝗘 𝗡𝗔𝗖𝗛𝗧𝗦𝗖𝗛𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗘𝗜𝗡𝗟𝗘𝗚𝗧

Kennt ihr das auch? Ihr liegt nachts im Bett, möchtet einfach nur einschlafen, aber im Kopf findet gleichzeitig eine Vorstandssitzung mit ungefähr 1.000 Tagesordnungspunkten statt. Natürlich ohne Pause, ohne Protokoll und ohne Aussicht auf eine baldige Vertagung.

In letzter Zeit passiert mir das immer öfter. Wobei „in letzter Zeit“ leicht untertrieben ist. Sagen wir lieber: seit Monaten, wenn nicht sogar seit Jahren.

Heute Nacht war es wieder so. Gegen ein Uhr habe ich versucht einzuschlafen. Der Körper war grundsätzlich einverstanden, nur mein Gehirn hatte andere Pläne. Dort liefen gerade neue Konzepte, Buchideen, Termine, Erinnerungen und wahrscheinlich noch drei Projekte, von denen ich selbst bisher überhaupt nichts wusste.

Bis vier Uhr lag ich wach. Irgendwann dachte ich mir: Bevor du hier sinnlos herumliegst und versuchst, Schafe zu zählen, die vermutlich inzwischen auch schon Rentenanträge gestellt haben, kannst du genauso gut wieder aufstehen und arbeiten.

Also habe ich noch zwei oder drei Stunden weiterprogrammiert – an meiner Vertriebsplattform und an der Testleserplattform für die Bücher, die ich schreibe und herausbringe. Andere Menschen trinken nachts warme Milch oder hören Entspannungsmusik. Ich programmiere eben Vertriebswege. Jeder hat seine eigene Methode, langsam und würdevoll den Verstand zu verlieren.

Ich habe ständig das Gefühl, dass mir die Zeit davonrennt. Eigentlich müsste ich mein Leben inzwischen richtig genießen, gemütlich herumreisen und nur noch Dinge tun, die mir besonders viel Freude machen.

Das Problem ist nur: Mir macht es Freude, zu arbeiten und etwas zu erschaffen.

Körperlich geht vieles nicht mehr. Also schreibe ich, entwickle Konzepte, programmiere Plattformen und versuche anschließend, den ganzen Wahnsinn auch noch umzusetzen. Rund um mein erstes Buch musste ich mir so viel neues Wissen aneignen, dass ich inzwischen vermutlich nebenbei eine Druckerei eröffnen könnte. Zumindest theoretisch. Praktisch würde ich wahrscheinlich bereits am ersten Tag mit irgendeiner BleedBox diskutieren und am zweiten Tag das Gebäude anzünden.

Manchmal empfinde ich das alles tatsächlich als Qual. Aber wenn ich dann nachts wach im Bett liege und mir tausend Gedanken durch den Kopf gehen, bin ich nicht traurig. Auch diese Gedanken empfinde ich nicht grundsätzlich als negativ.

Bei vielen überwiegen sogar Zufriedenheit und Glück.

Ich bin glücklich darüber, dass ich als kranker – man könnte fast sagen behinderter – Mensch mit einer vermutlich recht überschaubaren Restlaufzeit noch so viel schaffen kann. Der TÜV hat zwar einige erhebliche Mängel festgestellt, aber die Karre fährt noch. Sie klappert, piept gelegentlich und einige Kontrollleuchten sollte man besser ignorieren, aber sie fährt.

Natürlich kommen nachts auch andere Gedanken. Fragen wie: War das nun schon alles? Was bleibt irgendwann von mir übrig? Und weshalb rast die Zeit inzwischen dermaßen, während früher allein eine Schulstunde ungefähr drei Wochen dauerte?

Man denkt immer häufiger über die eigene Vergänglichkeit nach. Leider auch über die Menschen, die schon gegangen sind. Über meine verstorbenen Familienmitglieder, über Freunde aus meiner früheren Clique und sogar über Schulkameraden, die nicht mehr da sind.

Ich werde gerade einmal 62 Jahre alt, und trotzdem sind bereits so viele gegangen.

Vielleicht kann man das auch aus meiner Lyrik herauslesen. Dort geht es schließlich nicht nur um Blumenwiesen, Schmetterlinge und einen glücklichen alten Mann, der mit einem Glas Kakao auf der Terrasse sitzt und dem Sonnenuntergang zuschaut. Bei mir sitzt meistens schon Herr Natas daneben und blättert in seiner Wohnraumkartei.

Einige von euch wissen ja, wer Herr Natas ist. Für alle anderen: Lest den Namen einfach einmal rückwärts.

Ich vermute ohnehin, dass er mir in seinem Untergeschoss längst ein kleines Apartment zugeteilt hat. Hoffentlich wenigstens mit Fußbodenheizung. Wobei – die dürfte dort vermutlich im Mietpreis enthalten sein. Wahrscheinlich legt er mir auch schon regelmäßig Prospekte in den Briefkasten: „Jetzt einziehen und die ersten 1.000 Jahre keine Heizkosten zahlen!“

Es ist nachts also immer ein gewaltiger Mischmasch: das Gute in meinem heutigen Leben, die großartigen Zeiten, die ich früher erlebt habe, die Menschen, die nicht mehr da sind, und diese verdammte Endlichkeit, die sich inzwischen immer öfter ungefragt mit ins Bett legt.

Nach ungefähr fünf Stunden Schlaf bin ich jetzt schon wieder wach. Ich liege zwar noch im Bett, aber natürlich schreibe ich bereits. Ein wenig Buchhaltung muss ich ebenfalls machen, denn im nächsten Monat ist wieder die Steuererklärung für das letzte Quartal fällig. Und mit der Druckerei muss ich auch noch einiges absprechen.

Andere Menschen wachen auf, strecken sich und überlegen, was sie frühstücken. Ich wache auf und denke an Umsatzsteuervoranmeldung, Buchrückenbreite und Druckspezifikationen. Romantik kann ich.

Wie ihr seht, geht es sofort wieder in die Vollen.

Und bevor jetzt wieder jemand schreibt, ich würde jammern: Nein, das hier ist kein Gejammer. Mir ist durchaus bewusst, dass es anderen Menschen gesundheitlich oder finanziell hundertmal schlechter geht als mir.

Ich habe das große Glück, hier in meiner kleinen Holzhütte im tiefen dunklen Wald, ziemlich weit abseits vom allgemeinen Wahnsinn, ein recht beschauliches Leben führen zu können.

Na ja, „beschaulich“ bedeutet bei mir eben: nachts bis vier Uhr wach liegen, anschließend programmieren, fünf Stunden schlafen, Buchhaltung machen, mit der Druckerei diskutieren und zwischendurch kontrollieren, ob Herr Natas mein Apartment im Untergeschoss schon renoviert hat.

Ganz normaler Ruhestand also.


Veröffentlicht mit Welako

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Vaya, esa foto de la pantalla a las 4 am me dio una vibra de “aventura nocturna” que hasta mi mochila de ideas no puede cargar. ¿Probaste alguna técnica de respiración antes de volver a la ruta del sueño?