𝗜𝗛𝗥 𝗦𝗘𝗜𝗗 𝗔𝗟𝗟𝗘 𝗦𝗘𝗟𝗕𝗦𝗧 𝗗𝗔𝗥𝗔𝗡 𝗦𝗖𝗛𝗨𝗟𝗗!

in #deutsch3 days ago

𝗘𝗶𝗻𝗲 𝗚𝗲𝘀𝗰𝗵𝗶𝗰𝗵𝘁𝗲, 𝗱𝗶𝗲 𝗕𝗲𝗿𝘁𝗼𝗹𝘁 𝗕𝗿𝗲𝗰𝗵𝘁 𝗵𝗲𝘂𝘁𝗲 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗹𝗲𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗴𝗲𝘀𝗰𝗵𝗿𝗶𝗲𝗯𝗲𝗻 𝗵ä𝘁𝘁𝗲

Heute ist der 70. Todestag von Bertolt Brecht. Und offenbar ist selbst das Jenseits inzwischen so schlecht organisiert, dass man dort gelegentlich einen Schriftsteller für eine Nachtschicht auf die Erde zurückschickt. Jedenfalls stand Brecht vergangene Nacht plötzlich bei mir, sah sich kurz um, blickte auf den Fernseher, dann auf mein Handy und schließlich wieder zu mir und fragte: „Ist das hier wirklich Deutschland oder eine besonders schlechte Generalprobe?“ Danach legte er mir einige Blätter auf den Tisch und erklärte, er habe sich die heutigen Zustände angesehen und sei zu dem Schluss gekommen, dass die Menschen zwar inzwischen Geräte besitzen, mit denen sie in wenigen Sekunden das gesamte Wissen der Menschheit erreichen können, aber ausgerechnet den eigenen Verstand immer seltener einschalten. Dann verschwand er wieder. Die Blätter lagen heute Morgen noch da. Also gut, wenn Bertolt schon extra aus dem Jenseits vorbeikommt, will ich nicht unhöflich sein. Hier ist seine Geschichte.

𝗕𝗘𝗥𝗧𝗢𝗟𝗧 𝗕𝗥𝗘𝗖𝗛𝗧𝗦 𝗚𝗘𝗦𝗖𝗛𝗜𝗖𝗛𝗧𝗘 𝗔𝗨𝗦 𝗗𝗘𝗠 𝗝𝗘𝗡𝗦𝗘𝗜𝗧𝗦

𝗜𝗛𝗥 𝗦𝗘𝗜𝗗 𝗔𝗟𝗟𝗘 𝗦𝗘𝗟𝗕𝗦𝗧 𝗗𝗔𝗥𝗔𝗡 𝗦𝗖𝗛𝗨𝗟𝗗!

Es gab einmal ein Land, das nannte sich das Land der Freien. Warum es sich so nannte, wusste niemand genau, aber es stand auf vielen Plakaten, und was auf einem Plakat steht, muss schließlich wahr sein. In diesem Land lebten Arbeiter, Angestellte, Rentner, Handwerker, Lehrer, Krankenschwestern, Bauern, Händler und Menschen, die trotz Arbeit jeden Monat neu ausrechnen mussten, ob ihr Geld noch bis zum nächsten Lohn reichen würde. Über ihnen lebten die Herren. Auch die Herren besaßen Wohnungen, Häuser, Autos und Konten. Nur mussten sie wesentlich seltener rechnen. Eines Tages trat der oberste Herr vor das Volk und sagte: „Wir müssen sparen.“ Das Volk nickte. Ein Arbeiter fragte: „Wer muss sparen?“ Der Herr antwortete: „Wir alle.“ Der Arbeiter sah auf den Wagen hinter ihm, auf die Berater neben ihm, auf die Sicherheitsleute, auf das große Gebäude im Hintergrund und fragte noch einmal: „Wer genau ist wir?“ Daraufhin erklärte ein Journalist, diese Frage sei populistisch. Also schwieg der Arbeiter. Am nächsten Morgen wurde seine Krankenversicherung teurer, seine Miete war bereits gestiegen, der Strom ebenso und beim Einkaufen bemerkte seine Frau, dass inzwischen selbst Dinge Luxus geworden waren, die früher niemand für Luxus gehalten hatte. „Früher habe ich für fünfzig Mark zwei Taschen nach Hause getragen“, sagte sie. „Heute brauchst du für fünfzig Euro wenigstens keine zwei Taschen mehr“, antwortete ihr Mann. Sie lachten. Nicht weil es besonders lustig war, sondern weil Menschen manchmal lachen, wenn ihnen das Weinen zu teuer geworden ist.

In demselben Land besaß ein Kaufmann zehn Häuser. Man fragte ihn, warum die Mieten immer weiter steigen müssten. Er sagte: „Der Markt verlangt es.“ Man fragte den Markt, aber der Markt antwortete nicht, denn er hatte weder Mund noch Ohren. Also musste der Kaufmann wohl recht haben. Ein anderer Herr besaß Fabriken und erklärte seinen Arbeitern, ihre Löhne könnten leider nicht steigen, weil das Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben müsse. Am Abend berichtete die Zeitung, dass der Gewinn des Unternehmens erneut gestiegen sei. Ein Arbeiter zeigte seinem Kollegen den Artikel und sagte: „Siehst du, unsere Firma verdient so viel wie noch nie.“ Der Kollege nickte zufrieden. „Dann haben wir alles richtig gemacht.“ „Was genau?“ „Wir haben auf mehr Lohn verzichtet.“ „Und wer hat den höheren Gewinn bekommen?“ Der Kollege las noch einmal. „Das steht hier nicht.“ Gleichzeitig erklärte man den Menschen, sie müssten länger arbeiten, denn das Land müsse leistungsfähiger werden. Ein Maurer sagte, er sei sechzig und sein Rücken kaputt. Ein Professor erklärte ihm im Fernsehen, sechzig sei heute das neue fünfzig. Der Maurer betrachtete seinen Rücken und stellte fest, dass dieser die Sendung offenbar nicht gesehen hatte. Man sagte den Rentnern, sie sollten länger arbeiten, den Jungen, sie sollten mehr arbeiten, den Familien, beide Eltern sollten arbeiten, den Kranken, sie sollten schneller gesund werden, den Arbeitslosen, sie sollten endlich arbeiten, und denjenigen, die längst arbeiteten, sagte man, sie müssten noch mehr arbeiten. Nur bei denen, die von der Arbeit anderer sehr gut lebten, hatte man vergessen nachzufragen. Vielleicht wollte man sie nicht wecken.

In der Hauptstadt saßen währenddessen die Verwalter des Landes und stritten darüber, wer für die Schwierigkeiten verantwortlich sei. Der eine sagte, die vorige Regierung sei schuld. Der andere sagte, die Opposition sei schuld. Ein Dritter erklärte, das Ausland sei schuld, ein Vierter sagte, das Volk habe die Zusammenhänge nicht verstanden. Daraufhin fragte ein alter Mann: „Wenn seit Jahrzehnten immer die anderen schuld sind, wofür brauchen wir dann eigentlich euch?“ Es entstand große Unruhe, und man erklärte dem alten Mann, Demokratie sei kompliziert. Er entschuldigte sich für seine einfache Frage. In diesem Land gab es außerdem viele Zeitungen, Sender und Geräte, und jeden Morgen wurde den Menschen zuverlässig erklärt, worüber sie sich heute empören sollten. Am Montag war es eine Gruppe, am Dienstag eine andere, am Mittwoch ein Satz, den irgendjemand gesagt hatte, am Donnerstag ein Mensch, der einen falschen Begriff benutzt hatte, und am Freitag beklagte man schließlich die Spaltung der Gesellschaft. Am Wochenende erschien dann ein großer Artikel darüber, wie man diese Spaltung überwinden könne. Direkt daneben stand ein anderer Artikel mit der Überschrift: „Diese Menschen sind eine Gefahr für unser Land.“ Niemand bemerkte den Widerspruch, denn man hatte sich inzwischen daran gewöhnt, immer nur bis zur nächsten Überschrift zu denken.

Ein junger Mann fragte seinen Vater: „Was ist Wahrheit?“ Der Vater antwortete: „Das hängt davon ab, welchen Sender du einschaltest.“ „Und woher weiß ich dann, was wirklich stimmt?“ Der Vater zuckte mit den Schultern. „Du suchst dir das aus, was dir am besten gefällt.“ Der Junge war erleichtert, denn so einfach war Bildung geworden. In der Schule lernte man zwar, wie wichtig kritisches Denken sei, doch zu Hause schaute das Kind stundenlang Menschen dabei zu, wie sie Dinge auspackten, die niemand brauchte. Der Vater warnte: „Du darfst nicht alles glauben, was im Internet steht.“ Danach öffnete er seine eigene Seite und teilte eine Meldung, deren Überschrift genau das bestätigte, was er schon vorher geglaubt hatte. Die Mutter hielt sich für vernünftiger, denn ihre Informationen bekam sie aus dem Fernsehen. So lebte schließlich jeder in seiner eigenen Wahrheit und alle wunderten sich darüber, dass niemand den anderen mehr verstand. Währenddessen wurden die Reichen reicher. Aber darüber sprach man nicht besonders gern, denn das war kompliziert. Viel einfacher war es, zwei arme Leute gegeneinanderzustellen. Man sagte dem einen: „Der andere bekommt etwas, das eigentlich dir gehört.“ Also wurde der Erste wütend auf den Zweiten und der Zweite auf den Ersten. Während beide miteinander stritten, ging hinter ihnen ein Herr vorbei und trug den ganzen Sack davon. Ein Kind rief: „Halt, der Mann nimmt alles mit!“ Die Erwachsenen sahen das Kind streng an. „Sei still, wir diskutieren gerade über Gerechtigkeit.“ Der Herr bedankte sich höflich und verschwand.

Das Land besaß sehr viele demokratische Rechte. Jeder durfte seine Meinung sagen. Der Arbeiter durfte sagen, dass sein Lohn nicht reichte, der Rentner durfte sagen, dass seine Rente zu klein war, die Krankenschwester durfte erzählen, dass auf ihrer Station Personal fehlte, der Lehrer durfte berichten, dass seine Schule verfiel, der Handwerker durfte über Bürokratie klagen, der Bauer über seine Kosten und der junge Mensch darüber, dass er sich keine Wohnung leisten konnte. Jeder durfte alles sagen. Und weil jeder alles sagen durfte, musste offenbar nichts verändert werden. „Seht ihr“, erklärten die Herren, „ihr seid frei.“ Der Arbeiter fragte: „Und was passiert jetzt mit dem, was wir gesagt haben?“ Die Herren sahen ihn verwundert an. „Was soll damit passieren? Ihr durftet es doch sagen.“ Damit war die Angelegenheit erledigt. Alle paar Jahre durfte das Volk außerdem wählen. Vor der Wahl kamen die Herren auf die Marktplätze und sagten: „Wir haben euch verstanden.“ Nach der Wahl fuhren sie zurück in ihre Häuser und berieten dort darüber, warum das Volk sie nicht verstanden hatte. Ein Bürger fragte einmal einen Politiker: „Warum versprecht ihr vor der Wahl immer Dinge, von denen ihr hinterher erklärt, sie seien gar nicht möglich?“ Der Politiker sagte: „Weil Sie uns sonst nicht wählen würden.“ Der Bürger war von dieser ungewohnten Ehrlichkeit so beeindruckt, dass er ihn wieder wählte.

Eines Abends trafen sich drei Arbeiter in einer Kneipe. Der erste sagte: „Früher war alles besser.“ Der zweite sagte: „Heute ist alles besser.“ Der dritte trank sein Bier und sagte zunächst nichts. Schließlich fragten ihn die beiden: „Und was meinst du?“ Er antwortete: „Ich glaube, früher war manches besser und heute manches andere.“ Die beiden sahen ihn entsetzt an. „Du kannst doch nicht einfach differenzieren!“ Sie rückten mit ihren Stühlen von ihm weg. Der Mann trank allein weiter. Er hatte den schwersten Fehler begangen, den man in diesem Land machen konnte: Er hatte versucht, gleichzeitig zwei Gedanken im Kopf zu behalten. Die Herren mochten solche Streitereien. Solange das Volk darüber stritt, wer links, rechts, oben, unten, gut oder böse war, stellte niemand die unangenehme Frage, warum dieselben Probleme seit Jahren größer wurden. Man gab den Menschen deshalb immer neue Gegner: den Nachbarn, den Fremden, den Alten, den Jungen, den Arbeitslosen, den Beamten, den Unternehmer, den Ostdeutschen, den Westdeutschen, den Autofahrer, den Radfahrer, denjenigen mit der falschen Heizung und denjenigen mit der falschen Meinung. Das funktionierte ausgezeichnet. Denn nichts ist für die Mächtigen bequemer als ein Volk, das seine ganze Kraft darauf verwendet, sich gegenseitig zu hassen.

Auf dem Marktplatz saß seit vielen Jahren ein alter Schuhmacher. Neben seiner Tür hing ein Schild: „REPARATUREN.“ Eines Tages kam ein Minister vorbei und fragte: „Was reparieren Sie?“ „Schuhe“, sagte der Alte. „Könnten Sie auch ein Land reparieren?“ Der Schuhmacher betrachtete ihn lange. „Kommt darauf an.“ „Worauf?“ „Ob nur das Oberleder gerissen ist oder die Sohle schon fehlt.“ Der Minister setzte sich. „Und was würden Sie zuerst tun?“ Der Schuhmacher nahm einen Schuh in die Hand. „Zuerst würde ich aufhören, so zu tun, als sei nichts kaputt.“ Der Minister erhob sich. „Sie verstehen nichts von Politik.“ „Das stimmt“, antwortete der Alte. „Ich repariere nur Dinge.“ Am Abend kam ein Arbeiter zu ihm, der das Gespräch gehört hatte. „Warum ändern die da oben nichts?“ Der Schuhmacher fragte: „Warum sollten sie?“ „Weil es schlecht läuft.“ Der Alte blickte zum großen Regierungsgebäude am Ende der Straße. „Für wen?“ Der Arbeiter schwieg. „Für die dort oben läuft vieles ausgezeichnet.“ Der Arbeiter dachte nach. „Dann müssen wir etwas ändern.“ Der Schuhmacher nickte. „Das sagen die Menschen seit Jahren.“ „Warum tun sie es nicht?“ Der Alte nahm den nächsten Schuh. „Weil jeder darauf wartet, dass der andere anfängt.“

Am nächsten Tag stellte sich der Arbeiter auf den Platz und rief: „Wir müssen etwas verändern!“ Ein Mann blieb stehen und fragte: „Was genau?“ Der Arbeiter wusste es nicht. Eine Frau fragte: „Und wie?“ Auch das wusste er nicht. Ein Dritter rief: „Du bist doch bestimmt von irgendeiner Partei!“ Ein Vierter erklärte ihn zum Extremisten, ein Fünfter filmte alles mit seinem Telefon und ein Sechster schrieb darunter nur: „Typisch.“ Nach zwanzig Minuten stritten hundert Menschen miteinander und niemand wusste mehr, womit alles begonnen hatte. Der Arbeiter fragte den Schuhmacher am Abend: „Was habe ich falsch gemacht?“ Der Alte antwortete: „Du hast ihnen gesagt, dass sie etwas verändern müssen. Menschen verändern sehr gern die Welt, solange sie dabei selbst unverändert bleiben können.“ Jahre vergingen. Die Preise stiegen, die Versprechen wurden größer, die Reden lauter und die Lösungen kleiner. Bei jeder neuen Krise erklärte man dem Volk, nun müsse es Opfer bringen. Das Volk brachte Opfer. Dann kam die nächste Krise und wieder brachte das Volk Opfer. Irgendwann fragte einer: „Wann bringen eigentlich die anderen einmal Opfer?“ Man antwortete ihm: „Gerade jetzt müssen wir zusammenstehen.“ Da verstand der Mann endlich, was Zusammenstehen bedeutete: Einige standen unten, damit andere bequem auf ihnen stehen konnten.

Eines Morgens erschien auf dem Marktplatz ein riesiges Plakat. Darauf stand: „DIE ZUKUNFT BEGINNT HEUTE.“ Der Schuhmacher setzte sich darunter. Ein Kind fragte ihn: „Was bedeutet das?“ Der Alte sagte: „Dass sie die Zukunft wieder verschoben haben.“ „Auf wann?“ „Auf heute.“ Das Kind dachte nach. „Aber heute ist doch schon heute.“ Der Schuhmacher lächelte. „Darum funktioniert es so gut.“ Kurz darauf kam ein Reporter und fragte den Alten: „Sind Sie zufrieden mit unserem Land?“ „Nein.“ „Sind Sie gegen unser Land?“ „Nein.“ Der Reporter runzelte die Stirn. „Das geht nicht. Wer unzufrieden ist, muss dagegen sein.“ Der Schuhmacher legte sein Werkzeug weg und fragte: „Wenn deine Mutter krank ist, bist du dann gegen deine Mutter oder möchtest du, dass sie wieder gesund wird?“ Der Reporter packte sein Mikrofon ein. Das Gespräch wurde nicht gesendet. Es war zu kompliziert.

Am Abend kamen die Menschen erneut auf dem Platz zusammen. Diesmal stritten sie nicht. Der Arbeiter sprach über seinen Lohn, die Krankenschwester über ihre Schichten, der Rentner über seine Rente, der Bauer über seinen Hof, der Handwerker über seine Rechnungen, der Lehrer über seine Schule und der junge Mann über seine Angst, sich niemals ein eigenes Zuhause leisten zu können. Plötzlich bemerkten sie etwas Merkwürdiges: Die meisten ihrer Probleme waren gar nicht so verschieden. Man hatte ihnen nur jahrelang erzählt, dass jeweils der andere daran schuld sei. Der Arbeiter sah den Bauern an, der Bauer die Krankenschwester, die Krankenschwester den Rentner, und irgendwo ganz hinten auf dem Platz begann ein gut gekleideter Herr nervös zu werden. Denn für diejenigen, die oben sitzen, gibt es kaum etwas Unangenehmeres als Menschen, die unten plötzlich aufhören, sich gegenseitig zu beschuldigen.

Da trat der Schuhmacher vor die Menge. „Nun habt ihr verstanden.“ Ein Mann fragte: „Was haben wir verstanden?“ Der Alte antwortete: „Dass niemand euch retten wird.“ „Kein Politiker?“ „Nein.“ „Keine neue Partei?“ „Nein.“ „Kein großer Führer?“ „Hoffentlich nicht.“ „Keine Zeitung? Kein Fernsehen?“ Der Schuhmacher lachte. „Ganz sicher nicht.“ „Wer dann?“ Der Alte zeigte auf die Menge. „Ihr.“ Da wurden einige wütend, denn sie hatten gehofft, die Verantwortung bei jemand anderem abgeben zu können. Der Schuhmacher aber sprach weiter: „Ihr beklagt, dass man euch belügt, und wählt doch die Lüge, wenn sie angenehmer klingt als die Wahrheit. Ihr beklagt schlechte Politik, interessiert euch aber nur wenige Wochen vor einer Wahl dafür. Ihr beklagt, dass man euch gegeneinander aufhetzt, und verbreitet gleichzeitig jeden Beitrag weiter, der eure Lieblingsgegner beschimpft. Ihr beklagt niedrige Löhne und wollt trotzdem alles möglichst billig kaufen. Ihr beklagt das Sterben kleiner Geschäfte und bestellt abends beim größten Händler. Ihr klagt über die Macht großer Konzerne und gebt ihnen jeden Tag euer Geld. Ihr sagt, die Medien machten euch dumm, aber lest nur noch Überschriften. Ihr fordert Meinungsfreiheit und möchtet gleichzeitig, dass derjenige schweigt, dessen Meinung euch nicht gefällt. Ihr verlangt ehrliche Politiker und wählt trotzdem denjenigen, der euch das schönste Märchen erzählt. Ihr fordert Veränderung, solange sie bei den anderen beginnt.“

Die Menschen wurden still. Schließlich rief einer: „Das ist ungerecht! Wir kleinen Leute können doch nichts machen!“ Der Alte nickte. „Ein Einzelner kann tatsächlich nicht viel. Aber deshalb hat man euch ja beigebracht, einzelne Menschen zu bleiben.“ Danach nahm er seine Tasche und ging. Am folgenden Morgen war sein Laden geschlossen. An der Tür hing nur noch ein Zettel: „Wer immer darauf wartet, dass andere die Welt in Ordnung bringen, sollte sich nicht wundern, wenn sie am Ende denen gehört, die längst damit angefangen haben.“ Die Menschen lasen den Satz. Einige nickten, einige schimpften, einige fotografierten ihn. Andere diskutierten darüber, ob der Schuhmacher wohl links oder rechts gewesen sei. Am Abend war sein Zettel tausendfach im Internet geteilt worden. Am nächsten Morgen gingen alle wieder zur Arbeit. Alles blieb, wie es war. Denn zu erkennen, was falsch läuft, ist noch lange nicht dasselbe, wie etwas daran zu ändern.

Und irgendwo, vielleicht in einer anderen Zeit, vielleicht auf irgendeiner Wolke über Berlin, sitzt ein alter Dramatiker, schaut auf dieses merkwürdige Land und wundert sich vermutlich darüber, dass die Menschen inzwischen fast alles wissen könnten und trotzdem so bereitwillig darauf verzichten, selbst nachzudenken.

𝗗𝗘𝗥 𝗩𝗢𝗥𝗛𝗔𝗡𝗚 𝗜𝗦𝗧 𝗡𝗢𝗖𝗛 𝗡𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗚𝗘𝗙𝗔𝗟𝗟𝗘𝗡. 𝗜𝗛𝗥 𝗦𝗜𝗧𝗭𝗧 𝗡𝗨𝗥 𝗦𝗖𝗛𝗢𝗡 𝗩𝗜𝗘𝗟 𝗭𝗨 𝗟𝗔𝗡𝗚𝗘 𝗜𝗠 𝗣𝗨𝗕𝗟𝗜𝗞𝗨𝗠. 🎭


Veröffentlicht mit Welako

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El viaje y la fotografía van de la mano y vos tenés buen ojo para ambas cosas.

Gracias por compartir este pedacito de tu viaje. Me hiciste viajar un rato desde casa sin moverme.

A wonderful post!

Greece has such a unique charm, beautiful landscapes, and rich culture.

Thank you for sharing this glimpse with the community.

What a lovely share!
Greece never fails to impress with its beautiful places and timeless charm.
Thank you for bringing this experience to the Steemit community.

Good morning 🌄

I may not understand your language, but I think what you wrote is great sir 😀😀

Have a happy day!