𝗔𝗖𝗛𝗧𝗠𝗔𝗟 𝗦𝗢 𝗩𝗜𝗘𝗟𝗘 𝗚𝗥𝗜𝗣𝗣𝗘𝗜𝗠𝗣𝗙𝗨𝗡𝗚𝗘𝗡

in #deutsch • 2 days ago

𝗗𝗔 𝗗𝗔𝗥𝗙 𝗠𝗔𝗡 𝗗𝗢𝗖𝗛 𝗠𝗔𝗟 𝗡𝗔𝗖𝗛 𝗗𝗘𝗠 𝗡𝗨𝗧𝗭𝗘𝗡 𝗙𝗥𝗔𝗚𝗘𝗡.

Die Pharmaindustrie hat es wirklich schwer. Den ganzen Tag Menschen retten, zwischendurch voller Selbstaufopferung die Umsätze zählen und abends erschöpft überlegen, wohin mit der nächsten Dividende. Ein hartes Los. Man möchte spontan eine Kerze anzünden. Für die Buchhaltung.

Und dann kommt ausgerechnet das öffentlich-rechtliche Fernsehen daher und stellt Fragen zum Geschäft mit der Grippeimpfung. Also wirklich. Da bezahlt man Rundfunkbeitrag und bekommt plötzlich kritische Berichterstattung. Muss damals ein technischer Fehler gewesen sein.

Bevor jetzt jemand hektisch meinen Kopfumfang für einen Aluhut ausmisst: Grundlage dieses Beitrags ist ein Fernsehbericht des SWR-Wissenschaftsmagazins „Odysso“, dokumentiert für eine Ausstrahlung am 11. Oktober 2012.

Der Titel: „Das Geschäft mit der Grippe-Impfung“.

𝗨𝗡𝗗 𝗪𝗔𝗦 𝗪𝗨𝗥𝗗𝗘 𝗗𝗢𝗥𝗧 𝗕𝗘𝗥𝗜𝗖𝗛𝗧𝗘𝗧?

Die Zahl der Grippeimpfungen habe sich seit 1990 verachtfacht. Die Zahl der Todesfälle durch Grippe und Lungenentzündung sei im betrachteten Zeitraum dagegen praktisch gleich geblieben. Die Krankenhaustage wegen Grippe und Lungenentzündung hätten sogar um 40 Prozent zugenommen.

Das sind die damaligen Aussagen des Fernsehberichts. Keine von mir erfundenen aktuellen Zahlen.

Natürlich beweist dieser Vergleich allein keine Wirkungslosigkeit. Eine alternde Bevölkerung, unterschiedlich starke Grippewellen und andere Ursachen von Lungenentzündungen müssen berücksichtigt werden. Aber nachfragen darf man bei solchen Zahlen wohl trotzdem. Auch dann, wenn neben dem Fragezeichen eine gut gefüllte Kasse steht.

Im Bericht kamen eine Epidemiologin, ein Arzt und Apotheker sowie ein Experte für die Bewertung medizinischer Studien zu Wort. Kritisiert wurden die damalige Studienlage, mögliche Verzerrungen und die Finanzierung von Studien durch Hersteller.

Denn wer ein Produkt verkauft und zugleich dessen Nutzen untersuchen lässt, hat zumindest ein wirtschaftliches Interesse am Ergebnis. Das macht eine Studie nicht automatisch falsch. Es macht unabhängige Prüfung aber auch nicht überflüssig.

𝗨𝗡𝗗 𝗪𝗔𝗦 𝗕𝗘𝗗𝗘𝗨𝗧𝗘𝗧 „𝗪𝗜𝗥𝗞𝗦𝗔𝗠“ 𝗘𝗜𝗚𝗘𝗡𝗧𝗟𝗜𝗖𝗛 𝗜𝗡 𝗭𝗔𝗛𝗟𝗘𝗡?

Eine spätere Cochrane-Auswertung von 2018 kam bei gesunden Erwachsenen auf durchschnittlich etwa 2,3 Prozent bestätigte Influenza ohne Impfung und 0,9 Prozent mit Impfung.

Auf 10.000 vergleichbare Menschen gerechnet wären das ungefähr 230 Erkrankte ohne und 90 mit Impfung. Also 140 verhinderte Erkrankungen.

Relativ rund 61 Prozent weniger, absolut eine Verringerung um 1,4 Prozentpunkte. Beide Angaben beschreiben dasselbe Ergebnis. Nur klingt die eine in einer Werbebotschaft erheblich eindrucksvoller.

Unter den untersuchten Bedingungen mussten ungefähr 71 gesunde Erwachsene geimpft werden, um einen Grippefall zu verhindern.

𝗘𝗜𝗡𝗘𝗡 𝗚𝗥𝗜𝗣𝗣𝗘𝗙𝗔𝗟𝗟. 𝗡𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗘𝗜𝗡𝗘𝗡 𝗧𝗢𝗗𝗘𝗦𝗙𝗔𝗟𝗟.

Diese Zahl beschreibt auch nicht, bei wie vielen Menschen ein schwerer Verlauf verhindert wurde. Erkrankung, Krankenhausaufenthalt und Tod sind unterschiedliche Ergebnisse. Die darf man nicht einfach miteinander verrechnen.

Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, an einer Influenza zu sterben, hängt stark von Alter, Vorerkrankungen und der jeweiligen Grippewelle ab. Ein gesunder junger Erwachsener hat ein anderes Risiko als ein hochbetagter Mensch mit mehreren Erkrankungen.

Auch deshalb lässt sich aus diesen Studienzahlen weder eine pauschale Zahl geretteter Menschenleben berechnen noch eine pauschale Aussage über den Nutzen für Risikogruppen ableiten.

𝗝𝗘𝗧𝗭𝗧 𝗪𝗜𝗥𝗗 𝗗𝗘𝗥 𝗩𝗘𝗥𝗚𝗟𝗘𝗜𝗖𝗛 𝗠𝗔𝗞𝗔𝗕𝗘𝗥.

In Deutschland gibt es nach Angaben des Robert Koch-Instituts jährlich geschätzt 400.000 bis 600.000 Krankenhausinfektionen. Die Zahl der dadurch verursachten Todesfälle wird auf 15.000 bis 20.000 pro Jahr geschätzt.

Dabei geht es nicht ausschließlich um die berüchtigten multiresistenten Keime, sondern auch um andere Erreger.

Menschen kommen zur Behandlung ins Krankenhaus und ziehen sich dort eine zusätzliche Infektion zu, an deren Folgen sie sterben können. Ein Ort, an dem man gesund werden möchte, wird damit für manche zur tödlichen Gefahr.

Nicht jede dieser Infektionen ist vermeidbar. Aber ein Teil lässt sich durch wirksame Prävention verhindern.

Vielleicht sollte man deshalb auch einmal sehr deutlich fragen, was zusätzliche Investitionen in Krankenhaushygiene, ausreichend Personal, Schulungen, Infektionsüberwachung und einen gezielten Antibiotikaeinsatz bewirken könnten.

Wie viele schwere Erkrankungen und Todesfälle ließen sich damit verhindern? Und wie viel Geld wird dafür tatsächlich gebraucht?

Ja, der Vergleich ist makaber. Aber wenn ständig mit geretteten Menschenleben argumentiert wird, muss man auch fragen dürfen, wo ein zusätzlicher Euro am meisten bewirkt.

𝗗𝗜𝗘 𝗙𝗥𝗔𝗚𝗘 𝗡𝗔𝗖𝗛 𝗗𝗘𝗠 𝗚𝗘𝗟𝗗 𝗕𝗟𝗘𝗜𝗕𝗧.

Der SWR-Bericht sprach damals von einigen hundert Millionen jährlich für die Hersteller. Umsatz ist dabei nicht dasselbe wie Gewinn. Aber Luft und Liebe waren offenbar auch nicht die Geschäftsgrundlage.

Wenn öffentliche Mittel begrenzt sind, möchte ich nachvollziehbare Vergleiche sehen: Welchen Nutzen bringt welche Maßnahme, für welche Menschen und zu welchen Kosten?

Das betrifft Impfungen genauso wie Krankenhausprävention, bessere Pflege oder eine sichere Straßenkreuzung vor der Schule.

Dass ausgerechnet eine Ampel mehr Menschenleben retten würde, behaupte ich damit nicht. Ich möchte, dass solche Fragen ordentlich untersucht werden. Auch dann, wenn das Ergebnis wirtschaftlich weniger attraktiv ist als ein Produkt, das jedes Jahr erneut verkauft werden kann.

Ich werde hier künftig regelmäßig solche Berichte und Zahlen aufgreifen. In meiner bekannten Art: mit einer Portion Sarkasmus und konkreten Angaben, die jeder selbst nachprüfen kann. Dazu gehört auch, das Alter eines Berichts zu nennen und seine Aussagen kritisch zu hinterfragen.

Einen passenden Wiederupload des SWR-Berichts findet ihr hier auf YouTube. Der Upload stammt von einem privaten Kanal:

Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss kurz mein schlechtes Gewissen sortieren. Einfach so nach dem Verhältnis von Kosten und Nutzen zu fragen, während irgendwo ein Aktionär seine dritte Ferienimmobilie abbezahlt – das ist natürlich schon ziemlich rücksichtslos.

„Gesundheit ist unbezahlbar“, heißt es immer so schön. Faszinierend, wie zuverlässig trotzdem jemand einen Preis dafür findet, eine Rechnung schreibt und eine Gewinnprognose veröffentlicht.

Aber wehe, der Patient fragt nach. Dann braucht er offenbar erst einmal eine Behandlung gegen seine unangenehme Neigung, selber nachzurechnen.


Veröffentlicht mit Welako

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En el informe del SWR del 11 de octubre 2012 señalas que los días hospitalarios por gripe subieron un 40 %, algo que me hace replantear el presupuesto de salud al planear una ruta de mochilo. ¿Tenés alguna estadística actual que compare esa tendencia con el destino de la temporada?

miren esto, la cifra de que la vacunación contra la gripe se haya ocho veces multiplicado desde 1990 mientras las muertes apenas cambiaron me deja pensando en cuán compleja es la balanza entre prevención y resultados.