𝗦𝗜𝗘𝗕𝗘𝗡 𝗪𝗢𝗥𝗧𝗘 𝗙Ü𝗥 𝗠𝗘𝗜𝗡𝗘𝗡 𝗕𝗥𝗨𝗗𝗘𝗥

in #deutsch24 days ago

Heute hätte mein Bruder Geburtstag.

67 Jahre wäre er geworden. Aber spielt das wirklich eine Rolle? Irgendwann werden solche Zahlen unwichtig. Wichtig ist nur noch, dass da ein Mensch fehlt, der eigentlich noch da sein sollte.

Die Lebenden sagen immer „hätte“, wenn sie über die Toten sprechen. Als wäre ein Geburtstag etwas, das plötzlich nicht mehr stattfindet.

Aber der Tag kommt trotzdem.

Er steht im Kalender, genau dort, wo er schon immer stand. Nur der Mensch, zu dem er gehört, kommt nicht mehr mit.

Früher hätte ich Andreas angerufen. Vielleicht hätte er sich über irgendetwas beschwert. Über das Wetter, die Leute oder darüber, dass ich wieder einmal etwas anders machte, als er es für richtig hielt.

Heute bleibt das Telefon still.

Andreas war kein einfacher Mensch. Die Welt hatte es ihm nicht leicht gemacht, und irgendwann machte er es auch der Welt nicht mehr leicht. Viele sahen nur seine harte Schale.

Ich kannte auch den Menschen darunter.

Den Bruder, der mir kleine Wünsche erfüllte. Der mir mein erstes Auto kaufte, einen alten Wartburg, der mehr Rost als Zukunft hatte und für mich trotzdem das schönste Auto der Welt war.

Den Bruder, der keine langen Reden hielt. Wenn es ernst wurde, legte er mir die Hand auf die Schulter und drückte zu.

Das war seine Art zu sagen:

Ich bin da.

Dann kam jener Tag.

Andreas war gerade einmal 54 Jahre alt. Er wollte seine Wohnungstür aufschließen. Der Schlüssel steckte bereits im Schloss.

Weiter kam er nicht.

Mit nur 54 Jahren hat er diese Tür nicht mehr aufgeschlossen.

Am nächsten Tag hing seine Jacke noch am Haken. Seine Schuhe standen dort, wo er sie ausgezogen hatte. Auf dem Tisch lag die Zeitung. Das Kreuzworträtsel war fast fertig.

Drei Wörter fehlten noch.

Ich habe diese Zeitung mitgenommen.

Manchmal denke ich, dass diese drei leeren Stellen alles sagen, was der Tod zurücklässt. Es fehlen immer Worte. Ganz gleich, wie viele man vorher miteinander gesprochen oder verschwiegen hat.

Heute steht seine Urne bei mir zu Hause. Direkt neben der Urne unserer Mutti.

Andere bringen ihre Toten auf einen Friedhof. Ich wollte meinen Bruder nicht an einen Ort stellen, den ich nur manchmal besuche. Und auch unsere Mutti sollte nicht irgendwo sein, wo ich erst hinfahren muss, um ihr nahe zu sein.

Sie sollen dort sein, wo das Leben ist.

Mitten im Haus.

Mitten in unserer Familie.

Mitten in meinem Alltag.

Ich weiß nicht, ob die Toten hören können. Ich weiß nicht, ob sie sehen, wenn wir ihre alten Bilder anschauen, ihren Namen aussprechen oder an ihrem Geburtstag plötzlich still werden.

Aber vielleicht müssen sie das auch gar nicht.

Vielleicht ist Erinnern keine Nachricht an die Toten.

Vielleicht ist es ein Versprechen der Lebenden.

Und weil Andreas keine großen Reden mochte, brauche ich für dieses Versprechen nur sieben Worte:

Du fehlst mir.

Heute, morgen, für immer.


Veröffentlicht mit Welako

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Me llamó la atención que describís el Wartburg como “más óxido que futuro” y sin embargo lo llamás el coche más hermoso del mundo; ¿qué ruta hubieras tomado con él para una aventura de carretera? 🚐

Miren esto, la llave clavada en la puerta y la puerta que nunca se abrió me hablan del silencio que dejó la ausencia de las tres palabras del crucigrama. Valió la pena imaginar ese último detalle que quedó suspendido en el aire, como un suspiro detenido 🕊️.